Studien zum Fingernägel knabbern

– Erkenntnisse und Forschungsbedarf –

Obwohl das Fingernägel knabbern in der Population von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen relativ weit verbreitet ist, gibt es vergleichsweise nur wenige Studien zum Thema. Darüber hinaus sind die meisten davon schon ziemlich alt, sodass man ihre Aussagekraft für „moderne“ Nägelkauer nicht überbewerten darf. Nichtsdestotrotz liefern sie eine Reihe interessanter Thesen, die durchaus zum besseren Verständnis des Nägelknabberns beitragen können. Anhand der gewonnenen Informationen lassen sich zudem detailliertere Untersuchungen ausarbeiten. Dass die wissenschaftliche Forschung diesbezüglich großen Nachholbedarf hat, wird in diesem Artikel ebenso erläutert wie das Wichtigste aus früheren und auch zwei neueren Studien zum Nägel kauen, die mit spannenden Erkenntnissen Aufsehen erregen.

Der Ablauf beim Fingernägel knabbern: 

Fingernägel knabbern

Eine systematische Verhaltensbeobachtung bei einer Vielzahl 15-jähriger Nägelkauer (Billig, 1941) ergab, dass sich jede Episode des Nägelknabberns üblicherweise aus vier aufeinanderfolgenden Handlungen zusammensetzt:

  • 1. Akt: Zunächst wird die Hand in die Nähe des Mundes geführt. In dieser Stellung verharrt sie für einige Sekunden bis zu einer Minute.
  • 2. Akt: Anschließend platziert der Nägelkauer einen bestimmten Finger an seinen Zähnen. Dies geschieht in der Regel sehr schnell.
  • 3. Akt: Daraufhin kommt es zu einer Reihe rascher, krampfartiger Bisse. Dabei wird der Nagel fest gegen die Kaukante der Zähne gepresst und in der Regel bis zum Nagelbett abgeknabbert.
  • 4. Akt: Zuletzt zieht der Kauende den Finger vom Mund zurück, um den abgeknabberten Nagel entweder mit den Augen zu inspizieren oder mithilfe eines anderen Fingers zu befühlen.

Insbesondere im vierten Stadium der Episode ist der Gesichtsausdruck des Nägelbeißers gewöhnlich sehr intensiv. Bemerkt er, dass er beobachtet wird, beendet er den Vorgang abrupt. Die gesamte Sequenz von Schritt 1 bis Schritt 4 dauert ungefähr zwischen 40 Sekunden und mehreren Minuten.

Zwar liegt die Abhandlung einige Zeit zurück. Unserer Ansicht nach hat sie jedoch bis heute Relevanz und Richtigkeit, zumal man dieselben Aspekte auch im 21. Jahrhundert noch genauso bei den Menschen, die an ihren Fingern knabbern, feststellen kann.

 

Kinder vs. Eltern – Interessante Studienergebnisse

In Gesellschaft und Wissenschaft wird die Frage, ob Nägelknabbern ein „Symptom“  beziehungsweise ein Indikator für eine zugrundeliegende psychische Störung ist, kontrovers diskutiert. In der tiefenpsychologischen und medizinischen Literatur berichten Diagnostiker und Therapeuten von Fingernägel knabbern bei Kindern und Jugendlichen als Anzeichen für Angst und nervöse Anspannung (Clark, 1970). Oder auch als Begleiterscheinung des zwanghaften Ausreißens der Haare (De Luca und Holborn, 1984; Swedo et al., 1989; Dimino und Camisa, 1991). Sie vertreten die Meinung, die ganze kindliche Persönlichkeit müsse behandelt werden, um dem Nägelkauen Einhalt zu gebieten (Louttit, 1947). Allerdings basieren diese Annahmen auf subjektiven Beobachtungen von Einzelfällen, die in der klinischen Praxis getätigt wurden.

Demgegenüber weisen besser gesicherte empirische Studien darauf hin, dass Fingernägelkauen im Kindes- und Jugendalter in der Regel als normale und vorübergehende Angewohnheit angesehen werden kann (Malone und Massler, 1952; Hein, 1969; Christmann und Sommer, 1976). Dafür spricht auch, dass die Zahl kindlicher und jugendlicher Nägelbeißer den prozentualen Anteil erwachsener Betroffener deutlich übertrifft. Und somit sich das Fingernägel beißen also quasi „auswächst“.

Hier gibt es schöne Fingernägel!

Was aber ist dann mit den kauenden Erwachsenen?

Auch in diesem Zusammenhang unterscheiden sich die Resultate der bisher durchgeführten Studien. Ballinger (1970) beispielsweise untersuchte insgesamt 2.061 Personen. Davon waren 1.229 psychiatrische Patienten aller Altersstufen, die übrigen 832 klinisch unauffällige Kontrollpersonen. Er wollte herausfinden, ob neurotische und psychotische Patienten vermehrt an ihren Nägeln knabbern. Er fand allerdings kein gehäuftes Auftreten des Verhaltens bei den erkrankten Teilnehmern. Bei einer Untersuchung von Walker und Ziskind (1977) hingegen war der Anteil der Nägelbeißer bei den psychisch belasteten Personen doppelt so hoch, als bei der Kontrollgruppe.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Menschen, die an seelischen Erkrankungen leiden und Fingernägel kauen, die Handlung im Sinne einer Selbststimulation nutzen. Umso ihr Erregungsniveau möglichst im Gleichgewicht zu halten und sich selbst zu beruhigen. Wenngleich man beim derzeitigen Stand der Forschung keine eindeutigen Aussagen machen kann, deuten doch viele klinische Beobachtungen und Studien darauf hin, dass Nägelkauen bei älteren Leuten nicht selten psychische Störungen impliziert. Bei einer nicht allzu lange zurückliegenden Therapievergleichsstudie (Leonard et al., 1991) beispielsweise erfüllten 17 der 25 teilnehmenden Nägelbeißer (Durchschnittsalter 33 Jahre) die DSM-III-R-Kriterien für mindestens eine Störung der Psyche im Laufe des Lebens:

abgeknabberte fingernägel

 

  •  Major Depression (44 %)
  •  Substanzmissbrauch (24 %)
  •  Generalisierte Angststörung (24 %)
  •  Dysthyme Störung (20 %)
  •  Persönlichkeitsstörungen (16 %)
  •  Phobische Störungen (12 %)

 

 

 

Darstellung des Charakterbildes von Nägelkauern

In einer wissenschaftlichen Arbeit zu den Ursachen des Nägelknabberns fanden der Professor für Psychiatrie Dr. Kieron O’Connor und sein Team von der kanadischen Université de Montréal eine Charaktereigenschaft, die das Verhalten offenbar maßgeblich beeinflussen kann. Die Rede ist hier vom Perfektionismus.

Die Forscher untersuchten eine Gruppe von 40 Probanden, die sich aus 20 Leuten mit abgeknabberten Fingernägeln und 20 weiteren Kontrollpersonen zusammensetzte. Alle Teilnehmer mussten Fragen zum Ausmaß der Handlung und den Begleiterscheinungen beim Fingernägel knabbern beantworten. Dabei wurde auch ermittelt, wie stark die Probanden Emotionen wie Langeweile, Angst, Schuld, Reizbarkeit und Wut wahrnehmen.

Daraufhin setzte man sie entsprechenden Situationen aus, um die genannten Gefühle bewusst zu provozieren. Beispielsweise ließen die Forscher sie für sechs Minuten ohne jeglichen Input in einem Raum zurück, um Langeweile hervorzurufen und zu prüfen, wie sich die Personen unter diesen Umständen verhalten.

Die ohnehin schon zum Nägel knibbeln tendierenden Teilnehmer berichteten, in den Momenten, in denen sie sich gestresst oder frustriert fühlten, eine starke innere Unruhe verspürt zuhaben. Demgegenüber legten sie in den Augenblicken, in denen sie sich entspannten, überhaupt keinen Wert darauf, an ihren Fingernägeln zu kauen. Doch was hat das alles mit Perfektionsmus zu tun?

Nun, die Forscher um Dr. Kieron O’Connor glauben, dass Menschen, die an ihren Fingernägeln beißen oder andere körperbezogene Verhaltensweisen (Wimpernausreißen etc.) an den Tag legen, zum Perfektionsmus neigen könnten. Da es ihnen schwer fiele, sich zu entspannen und eine Aufgabe in normalem Tempo durchzuführen. Daher seien sie anfälliger für Ungeduld, Frustration und Unzufriedenheit, wenn sie ihre Ziele nicht erreichen. Auch Langeweile würden diese Personen stärker erleben, so O’Connor weiter.

Die Abhandlung erschien im März 2015 im „Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry“.

Fingernägel knabbern im Kindesalter kann vor Allergien schützen

Nägelkauen wird gewöhnlich als negative Angewohnheit betrachtet – und dies durchaus mit Recht. Schließlich handelt es sich dabei zweifelsohne um ein unhygienisches Verhalten, welches in extremen Fällen ebenso gravierende (gesundheitliche und soziale) Folgen nach sich ziehen kann. Nun haben kanadische und neuseeländische Forscher in einer neuen, äußerst spannenden Langzeitstudie Folgendes herausgefunden. Demnach müssen abgeknabberte Fingernägel nicht zwangsläufig beziehungsweise nicht nur schlecht sein. So soll das Nägelbeißen im Kindesalter die Wahrscheinlichkeit, später Allergien zu entwickeln, erheblich senken.

Zu den Details der Studie: 1.037 Probanden aus Neuseeland (Jahrgänge 1972 und 1973) wurden über mehrere Jahrzehnte hinweg beobachtet. Neben dem Nägelknabbern spielte auch das vergleichbare Daumenlutschen eine Rolle. Im ersten Teil dieses Versuches stand im Vordergrund, die Nägelkau- und Daumenlutschgewohnheiten der Teilnehmer zu ermitteln. Ob und wie oft sie die Handlungsweisen ausführten, wurde jeweils im fünften, siebten, neunten und elften Lebensjahr, also in der Kindheit der Probanden, untersucht und verzeichnet. Der zweite Teil fokussierte sich auf den Allergiecheck. Im Alter von 13 und 32 Jahren absolvierten die Personen klassische Allergietests. Dabei ging es insbesondere um allergische Reaktionen auf Staub, Gräser und Haustiere.

finger knabbern

 

Die Ergebnisse sind verblüffend

Von den 1.037 Teilnehmern waren 31 Prozent im Kindesalter häufige Nagelkauer oder Daumenlutscher. Im Alter von 13 Jahren hatten 38 Prozent derjenigen, die eine der beiden Handlungen regelmäßig ausführten, Allergien. Kinder, die sowohl an ihren Fingernägeln knabberten als auch an ihren Daumen lutschten, waren gar nur zu 31 Prozent von allergischen Reaktionen betroffen. Demgegenüber reagierten bei den Kindern, die weder an ihren Nägeln kauen noch am Daumen lutschten, ganze 49 Prozent auf wenigstens einen „Untersuchungsgegenstand“ allergisch. Ähnliche Resultate ergaben sich auch beim erneuten Test knapp 20 Jahre später, als die Probanden bereits 32 Jahre alt waren.

Doch warum ist das so? Es gibt eine logische, wenn auch nicht besonders appetitliche Erklärung für dieses Phänomen. Wer im Kindesalter an den Nägeln kaut oder am Daumen lutscht, bringt dabei eine ganze Menge Bakterien in den Mund. Denn die Finger sind selten wirklich rein und sauber. Meist haftet (mitunter unsichtbarer) Schmutz an ihnen und Schmutz schafft Keimen den idealen Nährboden. So wird der Körper schon früh an derartige „Bösewichte“ gewöhnt. In der Folge reagiert man als Erwachsener nicht so sensibel auf ungewohnte Umwelteinflüsse, sodass sich Allergien seltener entwickeln.

Spannende Erkenntnisse, die auch mehrere Fragen abseits des Nägelknabberns aufwerfen, etwa diese: Vielleicht liegt die Tatsache, dass immer mehr Menschen an Allergien erkranken, darin begründet, dass mittlerweile viel penibler auf Hygiene geachtet wird? In jedem Fall wollen die Forscher der beschriebenen Untersuchung dran bleiben und herausfinden, welche Organismen (Bakterien etc.) den „Schutz“ begünstigen können. Unabhängig davon ist und bleibt Fingernägel kauen aber natürlich ein ungutes, unschönes Verhalten, das man sich als Betroffener schnellstmöglich abgewöhnen sollte.

Fazit: Die Forschung ist erst am Anfang

Zwar gibt es einige Studien, die sich mit dem Fingernägel knabbern auseinandersetzen und auch interessante Erkenntnisse bringen. Wirklich gesicherte Fakten sind jedoch (noch) Mangelware. Insofern stehen die psychologische und medizinische Forschung nach wie vor vor vielen Fragen, die es zu beantworten gilt. Um dem Problem „Nägelknabbern“ immer tiefer auf den Grund zu gehen und genauere Informationen darüber zu erhalten. Darüber hinaus bliebt zu klären, wie das Nägelkauen entsteht, ob es Ursachen oder Folgen psychischer Erkrankungen sind und wie man dem Verhalten im Vorfeld gezielt entgegenwirken kann. Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Erkenntnislage in den kommenden Jahren entwickeln wird. Abgeknabberte Fingernägel sind schließlich alles andere als eine Seltenheit und verdienen es demnach, detaillierter untersucht zu werden.