Fingernägel kauen – Was ist das überhaupt?

Fingernägel kauen oder Nägelbeißen wird in der Fachsprache Onychophagie genannt. Es handelt sich dabei weder um eine Krankheit noch um ein Symptom. Meist ist das Nägelkauen „nur“ eine Angewohnheit, die im Verlauf allerdings zu einer zwanghaften Handlung werden kann. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche, doch auch bei Erwachsenen lässt sich das Knibbeln hin und wieder beobachten. Erfahren Sie, was wirklich hinter dem Fingernägelkauen steckt und wie Sie am besten dagegen vorgehen!

Was versteht man unter Nagelkauen?

Kinder, Jugendliche und Eltern, die ihre Nägeln herumkauen, beißen diese oft bis zur Nagelsohle ab. Manchmal knabbern sie auch an der Haut der Fingerkuppen. Und was geschieht mit den abgebissenen Nagel- und Hautstückchen? Sie werden entweder ausgespuckt oder geschluckt. Ständiges Nägelkauen hat Folgen: Es verkürzt die Nagelplatte des jeweiligen Nagels. Zudem kann es zu Blutungen, bakteriellen oder viralen Entzündungen sowie Fehlbildungen der Nägel kommen.

Welche Arten werden unterschieden?Fingernägel kauen

Grundsätzlich unterscheidet man drei Typen des Nägelkauens:

Typ A: „Der Gelegenheitskauer“*
Der gelegentliche Nägelkauer beisst nur von Zeit zu Zeit an seine Fingernägeln. Gemeinhin tut er dies bewusst, etwa um störende Ecken zu entfernen.

Typ B: „Der regelmäßige Kauer“*
Der regelmäßige Kauer knabbert stetig an seinen Nägeln. Meist tut er dies auf Grund von Verhaltensstörungen und Stress.

Typ C: „Der exzessive Kauer“*
Viele Betroffene dieser Störung, die krankhaft an ihren Fingernägelkauen, beißen diese häufig bis zum Nagelbett runter. Sie können dies sowohl unbewusst als auch bewusst – im Sinne eines selbstverletzenden Verhaltens – tun.

* Hinweis: Die in diesem Artikel verwendeten Bezeichnungen sind keine festgelegten Begriffe, sondern dienen allein der (besser nachvollzieh- und merkbaren) Typenbeschreibung.

Wie verbreitet ist das Fingernägel kauen?

Fingernägelkauen wird nicht systematisch erfasst. Aus diesem Grund gibt es keine genauen oder gesicherten Zahlen. Dennoch versuchten (und versuchen) verschiedene Forschungsinstitute, Anhaltspunkte zur Verbreitung des Nägelkauens zu liefern. Die stichprobenartig ermittelten beziehungsweise geschätzten Häufigkeiten schwanken von Land zu Land und Altersgruppe zu Altersgruppe. In der Population der Kinder und Jugendlichen sollen zwischen 20 und 45 Prozent an ihren Fingernägeln kauen. Normalerweise legt sich dieses Verhalten im Erwachsenenalter nach und nach wieder. Allerdings schätzt man in dieser Personengruppe eine Verbreitung von immer noch circa zehn Prozent. Das heißt, dass vermutlich ungefähr jeder zehnte der Über-18-Jährigen seine Fingernägel kaut!

Worin liegen die Ursachen?

Den EINEN ausschlaggebenden Grund gibt es nicht. Stattdessen kommen verschiedene Auslöser in Betracht. Die wichtigsten davon finden Sie nachfolgend genauer erläutert. Den detaillierten Artikel zu den Ursachen des Nägelknabberns finden Sie hier.

1. Anspannung und Nervosität

Bei einigen Betroffenen ist Fingernägelkauen ein Zeichen von Stress und Anspannung. Diese Befindenszustände können wiederum von unterschiedlichen Gegebenheiten abhängen. Hier eine Übersicht zu möglichen Szenarien:

a) Einengende und/oder unterdrückende Beziehungen: dieser Punkt bezieht sich in erster Linie auf Kinder und Jugendliche. Wenn Heranwachsende emotional allein gelassen oder motorisch eingeschränkt werden, Aggressionen oder sonstige Gefühle also nicht adäquat ausleben dürfen, kann sich das Nägel kauen krankhaft einschleichen.

b) Motorische Unruhe, leichte Erregbarkeit oder Hyperaktivität: Motorisch unruhige, leicht erregbare oder hyperaktive Kinder und Erwachsene zeigen oft verschiedene habituelle Verhaltensweisen, etwa Zähneknirschen, Fingerknacken – oder eben Nägel kauen.

c) Angst: Ängstliche Kinder, Jugendliche und Erwachsene suchen häufig Wege, mit der (gelinde gesagt) unangenehmen Emotion umzugehen. Ein potenzieller Pfad kann (neben anderen) auch das Knibbeln sein.

d) Ungelöste Konflikte oder Anspannungssituationen: Damit sind beispielsweise innerfamiliäre oder partnerschaftliche Probleme gemeint, die nicht angemessen aus der (seelischen) Welt geschaffen werden (können). Und mitunter regelmäßiges bis exzessives Fingernägel kauen nach sich ziehen.

In den genannten (und ähnlichen, vergleichbaren) Fällen dient das Knibbeln sowohl der Affektabfuhr als auch der Ersatzbefriedigung.

2. Gewohnheit

Tatsächlich können auch brüchige oder gespaltene Nägel Teil des Ursachengeflechts sein. Sie werden abgekaut statt mit passendem Zubehör – also einer Nagelfeile – bearbeitet. Diese ungünstige Vorgehensweise kann sich bis zur Gewohnheit verselbständigen.

Auch der Zustand gefühlter Langeweile zählt zu einem der möglichen Auslöser des Nägelkauens. Um die mit dem Befinden einhergehende Ungeduld oder Angewohnheit einzudämmen beziehungsweise den Leerlauf zu überbrücken, fangen manche Menschen an, ihre Fingernägel zu kauen.

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3. Psychische Störungen oder Erkrankungen

Selten liegen dem Fingernägel kauen sehr gravierende Ursachen wie psychische Störungen oder Erkrankungen zugrunde. Ganz ausschließen lässt es sich jedoch nicht. So kann die Onychophagie beispielsweise bei Neurosen oder paranoiden Psychosen auftreten. Zu den häufigsten Erkrankungen, bei denen Knibbeln oder Nagelkauen eine Rolle spielt, zählen Verhaltensstörungen wie ADHS (kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Für Menschen mit der Hyperaktivitätsstörung fungiert das Fingernägelkauen oftmals als Bedürfnisbefriedigung in emotionalen Ruhephasen. Mangelnder geistiger Input löst bei den Erkrankten das negative Gefühl innerer Unruhe aus. Um dieses abzuwenden, werden unter anderem die eigenen Nägel gekaut.

Wichtig: An dieser Stelle soll noch einmal betont werden, dass Fingernägel kauen selbst keine echte Krankheit darstellt. Vielmehr ist Nägelbeißen eine Verhaltensauffälligkeit, die zwar auf eine seelische Störung hinweisen kann, aber nicht muss. Des Weiteren ist zu beachten, dass die Grenzen zwischen den aufgeführten Ursachen oftmals fließend sind. Ein Beispiel zur Veranschaulichung. Ein motorisch und/oder emotional eingeengtes Kind knibbelt unter bestimmten Gegebenheiten, in denen es sich nervös, angespannt oder ängstlich fühlt, an seinen Nägeln. Das Verhalten wird als beruhigend empfunden und daraufhin bei allen negativen Gefühlszuständen wiederholt. Schließlich ist das Knabbern an den Nägeln ein angelernter, tief verinnerlichter Habit, der sich nur schwer auflösen lässt und unter Umständen in eine seelische Erkrankung mündet (oder mit einer solchen einhergeht).

Dass insbesondere Jugendliche zum Fingernägel kauen neigen, liegt möglicherweise an der speziellen Phase der Pubertät die voller Umbrüche, Stress und Emotionen ist – „Motive“, die Nägelkauen und andere abweichende bis schädliche Verhaltensweisen begünstigen können.

EXTRA: Psychologische Erklärungsansätze zum Nägelkauen

Auch Vertreter der verschiedenen psychologisch-wissenschaftlichen Richtungen machten und machen sich Gedanken über die möglichen Ursachen des Fingernägelkauens. Dabei sind insbesondere die tiefenpsychologischen, lerntheoretischen und genetischen Modelle interessant.

Fast alle tiefenpsychologischen Erklärungsansätze vermuten eine kausale Beziehung des Nägelkauens zu sexuellen und/oder aggressiven Impulsen in der frühen Kindheit. Nimmt man die Arbeiten seit den 1930er-Jahren genauer unter die Lupe, so zeigt sich, dass viele Psychoanalytiker im Fingernägel knabbern eine Fortsetzung des infantilen Daumenlutschens zu erkennen glauben. Sie werten das Verhalten als oral-erotische Befriedigung. Manche gehen in Bezug auf das Nägelbeißen auch von einem ungelösten Ödipuskonflikt mit masturbatorischen Strebungen aus.

Lerntheoretische Erklärungsansätze zur Entstehung des Nägelkauens postulieren, dass es sich beim Finger knibbeln um ein Gewohnheitsverhalten handelt, das durch eine Reihe positiver Konsequenzen begünstigt wird. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise die Reduzierung eines unangenehmen Spannungszustandes, die weitestgehend unbewusste Wegwendung von äußeren Stressoren oder auch die Beendigung des negativen Gefühls eines eingerissenen Nagels zu nennen. Darüber hinaus sehen lerntheoretisch orientierte Psychologen angenehme Gefühle der Selbststimulation von Lippen und Fingern als bedeutende Faktoren.

Psychologische Theoretiker mit genetischem Fokus beschäftigen sich mit der Frage, inwieweit die Neigung zum Fingernägel kauen angeboren ist beziehungsweise sein kann. Dazu liegen bereits einige spannende Studienergebnisse vor, insbesondere in Bezug auf Zwillinge. Mehrere Untersuchungen deuten darauf hin, dass die genetische Veranlagung des Einzelnen tatsächlich eine Ursache für das Nägelkauen darzustellen vermag. Allerdings darf bezweifelt werden, dass bestimmte Prädispositionen allein für den „Ausbruch“ der Handlung verantwortlich zu machen sind.

Alle psychologischen Erklärungsansätze zu den Ursachen und Auslösern des Fingernägelkauens haben etwas für sich, sodass sich eine genauere Betrachtung und Analyse der Modelle wirklich lohnt. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Anzahl und Konzeption der bis hierhin durchgeführten Studien jedoch noch zu dürftig. Es mangelt an gesicherten Erkenntnissen. In diesem Sinne besteht das Ziel der Psychologen darin, weitere Untersuchungen zu planen und umzusetzen, um den Wissensstand kontinuierlich zu erweitern.

Abgekaute vs. gepflegte Nägel

Fingernaegel kauen

Die Nagelpflege gibt nicht nur Aufschluss über den (physischen) Gesundheitszustand der jeweiligen Person (beispielsweise können brüchige, spröde Nägel auf hormonelle Störungen oder eine Hauterkrankung hindeuten). Darüber hinaus soll die Optik der Nägel auch den Charakter beziehungsweise Teile der Persönlichkeit des Besitzers widerspiegeln. Erfahren Sie, was man Leuten und Kindern mit abgekauten und Personen mit schönen, gepflegten Nägeln nachsagt.

Menschen mit abgekauten Fingernägeln

Betroffenen der Onychophagie wird das Nägelkauen meist als Charakterschwäche ausgelegt. Es mangele den „Nägelkauern“ an Willenskraft, während übermäßige Nervosität dominiere. Über Kinder, die ihre Fingernägel kauen, hört man nicht selten die Aussage, sie seien schlecht erzogen. Welche Vorurteile man auch heranzieht: Die Leute, die derartige Vermutungen über nägelbeißende Menschen aufstellen, unterschätzen, dass Letztere häufig keine Kontrolle über dieses Verhalten haben, das Erscheinungsbild also nicht differenziert als (schädliche) Auffälligkeit wahrnehmen.

In der Regel ist es so, dass Willensanstrengung allein nicht ausreicht, um das Fingernägel kauen ein für alle Mal zu den Akten zu legen (wenngleich der Wille eine Grundvoraussetzung bildet, mit wirksamen Methoden gegen das Nägelbeißen vorzugehen). Bei erwachsenen Nägelkauern herrscht außerdem das Klischee vor, sie hätten womöglich noch weitaus schlimmere Symptome oder gar eine psychische Erkrankung. Dass dem nicht zwangsläufig so sein muss, wurde im vorherigen Abschnitt dieses Ratgebers bereits geklärt. Trotz der diesbezüglich vorliegenden Fakten hält sich die Vermutung Unwissender hartnäckig, was nicht zuletzt den Medien geschuldet ist. Zu gern werden Psychopathen im Film knabbernd dargestellt.

Menschen mit schönen, gepflegten Nägeln

Natürlich sind schöne, gepflegte Hände und Finger wünschenswert. Sie beweisen, dass sich der Besitzer gut um seinen Körper kümmert – auch im Detail. Allerdings ist die immer wieder zu lesende und hörende Zuschreibung, Menschen mit entsprechenden Fingernägeln seien mental stark, entschlossen und extrovertiert, mehr als vermessen. Selbstverständlich können die genannten (oder ähnlich positiv behaftete) Merkmale zutreffen. Allerdings handelt es sich keinesfalls um eine unumstößliche Wahrheit, die auf jeden, der ansprechende Fingernägel hat, zutreffen muss. Darüber hinaus ist nicht gesagt, dass solche Personen nicht auch bestimmte Verhaltensauffälligkeiten an den Tag legen, die sich eben anderweitig äußern als über das Fingernägel kauen.

„Zeig mir deine Fingernägel und ich sage dir, wer du bist“ Keine Frage, die Gestaltung der Fingernägel kann die eine oder andere Eigenschaft der jeweiligen Person offenbaren. Ein handfestes bzw. umfassendes Charakterbild lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Insofern sollte man Vorurteile oder (allzu negative) Mutmaßungen über Menschen, die hin und wieder oder regelmäßig ihre Fingernägel kauen, vermeiden.

Welche Lösungswege gibt es?

Fingernägel kauen ist ein angelerntes Verhalten, das sich auch wieder verlernen lässt. Potenzielle Lösungswege gibt es nicht in Massen, aber im Folgenden finden Sie die erfolgsversprechendsten näher erläutert. Welche davon im individuellen Fall zum Ziel führen, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Möglichkeit A: Nagellacke gegen das Nägelkauen
Will man seinem Kind oder sich selbst das Fingernägel kauen abgewöhnen, kann man beispielsweise auf spezielle Tinkturen aus der Apotheke, dem Drogeriemarkt oder Internet zurückgreifen. Dabei handelt es sich um Nagellacke, die einfach auf die Fingernägel gepinselt werden. Der Clou an der Sache ist der Gusto: Die verschiedenen Mittel schmecken abscheulich. Im Detail: Neben Hilfsstoffen, die auch bei der Herstellung herkömmlicher Nagellacke zum Einsatz kommen, beinhalten die „Anti-Nägelkauen-Lacke“ Geschmacksstoffe, die beim Kauen an den Fingernägeln gelöst werden. Weiterhin verwendet man Saccharoseoctaacetat, einen aus Zucker gewonnenen Stoff, der unter anderem auch bei der Fertigung von Kinderspielzeug aus Kunststoff genutzt wird. Er ist gesundheitlich unbedenklich und geruchlos, zeichnet sich allerdings durch einen sehr bitteren und damit äußerst unangenehmen Geschmack aus. Im Falle des Kinderspielzeugs soll der Stoff das Verschlucken von Plastikteilen verhindern.

Beim Fingernägel kauen erfüllt er gleich zwei Aufgaben: Zum einen konditioniert er den Anwender, das Kauen der Fingernägel mit dem widerlichen Geschmack in Verbindung zu setzen, um die Verhaltensweise zunehmend zu unterbinden. Zum anderen ruft der Stoff beziehungsweise dessen geschmackliche Auswirkung dem Nägelkauer sein Handeln wieder ins Bewusstsein. Der zweite Effekt hat vor allem dann große Bedeutung, wenn das Fingernägel kauen schon zur (unbewussten) Gewohnheit geworden ist. Bewährte Nagellackprodukte zur Abgewöhnung des Nägelkauens sind beispielsweise Stop ’n grow der Schäfer Pharma GmbH und Daum-exol des Herstellers Dentinox.

 

Möglichkeit B: E-Book – Wissen ist Macht!

Um die unerwünschten Verhaltensweisen des Nägelbeißens abzustellen, ist das Wissen um die Hintergründe und Ursachen als unumgängliche Basis zu betrachten. Nur wenn Sie sich selbst die Frage zu beantworten können, weshalb Sie an den Fingernägeln kauen, können Sie die Angewohnheit ablegen und somit dauerhaft aus dem „Katalog innerer Gewohnheiten“ verbannen. Eine Hilfestellung bietet der Ratgeber mit dem Titel „Befreien Sie sich! Endlich das Nägelkauen abgewöhnen“ von Tim D. Der Autor hatte selbst lange Zeit mit dem Fingernägel kauen zu kämpfen, konnte den Zwang jedoch besiegen. In seinem Buch beschreibt er theoretische Aspekte des Nägelbeißens. Den inhaltlichen Kern des 22 Seiten umfassenden Werks bilden allerdings praktische (und erfolgreich erprobte) Methoden zur Entwöhnung, die jeder problemlos anwenden kann.

 

Möglichkeit C: Kaustopp durch Entspannung(stechniken)
Entspannungstechniken finden in vielen gesundheitsbezogenen Bereichen Anwendung. Je nach Ausprägung des Fehlverhaltens können sie auch dem Fingernägel kauen entgegenwirken. Weshalb? Da sie innere Langeweile oder Angst zu lindern vermögen. Alternativ ist in diesem Zusammenhang auch der homöopathische Ansatz gegen das Nägelkauen zu nennen.
Möglichkeit D: Motorisch ins nägelbeißfreie Leben
Bei besonders impulsiven oder hyperaktiven Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sind motorisch sinnvolle Aktivitäten empfehlenswert. Ob Einzel- oder Teamsport, regelmäßige Bewegung bringt in vielerlei Hinsicht Positives – auch in Bezug auf das Nägelkauen. Denn beim Rennen, Springen, Werfen und/oder Schießen lässt sich die überschüssige Energie sehr gut abbauen, sodass das Knabbern an den Fingernägeln nicht als Ventil herhalten muss.

 

Extra: Wann sollten Sei weitere Hilfe aufsuchen?

Solange sich das betroffene Kind, der nägelkauende Jugendliche oder Erwachsene durch die Verhaltensweise nicht selbst verletzt, besteht kein erweiterter ärztlicher Handlungsbedarf. Die oben angeführten Lösungswege reichen in der Regel aus, die negativen Angewohnheiten loszuwerden. Andernfalls ist es ratsam, zum Hausarzt zu gehen. Dieser (oder ein vermittelter Kollege) prüft zunächst, ob eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung vorliegt. Ist dem nicht so, wird gemeinhin das „Habit-Reversal-Training“ von Azrin und Nunn (1973) bevorzugt.

Habit Reversal Training als Therapie gegen Nägelkauen

Das Habit Reversal Training (kurz HRT) folgt den lerntheoretischen Annahmen der Verhaltenspsychologie. Entsprechend praktisch gestaltet sich diese Therapie gegen das Nägelkauen. Im Übrigen kommt die Methode auch bei anderen schwerwiegenden Auffälligkeiten, etwa der Trichotillomanie (Haareausreißen), zum Einsatz. Die Grundprinzipien des Habit Reversal Trainings sind wie folgt:

I) Der Nägelbeißer soll sich seines „falschen“ Verhaltens, sowie den damit zusammenhängenden Gedanken und/oder Situationen bewusst werden.

II) Der Nagelkauer soll ein mit der „Fehlhandlung“, also dem Fingerknabbern, konkurrierendes Verhalten lernen und einüben, sodass es das Fingernägelbeißen schließlich ablöst beziehungsweise ersetzt.

Zu Beginn des (modernen) HRT ist der Patient angehalten, alle Probleme aufzulisten, die das Fingernägelkauen mit sich bringt. Diese werden daraufhin mit dem Therapeuten diskutiert. Durch die kluge Vorgehensweise erhält der Nägelkauer die Gelegenheit, sich bewusst zu machen, wie sehr es sich rentiert, darum zu kämpfen, mit dem Fingernägelknibbeln aufzuhören. Motivationspunkte sind etwa, dass man sich in der Öffentlichkeit nicht mehr für unansehnliche Nägel schämen muss, sondern sich über ästhetische Fingerspitzen freuen darf. Auch die Folge, im Bereich der Fingernägel keine Schmerzen mehr zu haben, ist sicherlich für viele erstrebenswert. Diese und andere „Lockmittel“ fördern den Wunsch des Patienten, sich der Therapie zu unterziehen und alles dafür zu tun, des Nägelkauen zu stoppen.

 

Die eigentliche HRT setzt sich dabei aus vier großen Etappen zusammen:
  • 1. Ursachenermittlung: Der Betroffene führt eine Weile Tagebuch darüber, wann und in welchen Situationen das Fingernägel kauen verstärkt auftritt.
  • 2. Erlernen einer konkurrierenden Verhaltensweise: Dem Betroffenen wird eine konkurrierende Verhaltensweise antrainiert (etwa mit der Hand eine Faust zu machen). Diese soll er in den zuvor ermittelten Momenten anstelle des Knibbelns anwenden.
  • 3. Tägliche Nagelpflege: Als nächstes steht die Durchführung einer rituellen, täglichen Nagelpflege im Mittelpunkt der Therapie. Sie soll schließlich den Faustschluss (oder eine andere konkurrierende Verhaltensweise) in den kritischen Fällen ersetzen.
  • 4. Regelmäßige Pflege: Zu guter Letzt soll sich der Betroffene angewöhnen, den Zustand seiner Fingernägel täglich zu prüfen und regelmäßig zu pflegen.

Jeder, der so stark an seinen Nägeln knabbert, dass er ein HRT in Anspruch nehmen muss, um mit dem Fingernägel kauen aufzuhören, sollte sich im Klaren darüber sein, dass die Therapiestunden lediglich den Input liefern, der zuhause beziehungsweise im regulären Alltag selbständig zu bearbeiten ist. Damit sich nicht nur kurz-, sondern auch langfristig Erfolge einstellen, braucht es in der Regel die Unterstützung durch wenigstens einen nahestehenden Menschen. Dieser hat vor allem die Aufgabe, den (ehemaligen) Nägelkauer laufend an seine Fortschritte zu erinnern und ihn gegebenenfalls zu ermutigen. Stellt der zuständige Arzt doch eine gravierendere Störung fest, müssen selbstverständlich umfassendere Therapiemaßnahmen ergriffen werden.

 

 

Fazit – Knibbeln

Fingernägel kauen ist kein Symptom und keine Krankheit. Dennoch sollten Sie die erlernte Verhaltensweise ernst nehmen und behandeln, um die negativen optischen und auch physisch bedenklichen Folgen zu verhindern. Die verfügbaren Maßnahmen zum Nägelkauen abgewöhnen gestalten sich vielfältig. Sie reichen von Entspannungstechniken und sportlichen Aktivitäten über informative E-Books bis hin zu speziellen Nagellacken. Welche Methode am besten geeignet ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Es lohnt sich verschiedene Wege zu testen, um zu erkennen welcher Sie tatsächlich zum Ziel führen kann!